{"id":11,"date":"2009-12-11T23:00:00","date_gmt":"2009-12-11T23:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/iahev.de\/?p=11"},"modified":"2020-04-18T22:02:27","modified_gmt":"2020-04-18T22:02:27","slug":"vortrag-von-noor-m-ghafury-vom-benefizdinner-am-121209","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/iah-ev.de\/?p=11","title":{"rendered":"Vortrag von Noor M. Ghafury vom Benefizdinner am 12.12.09"},"content":{"rendered":"<figure id=\"attachment_7\" aria-describedby=\"caption-attachment-7\" style=\"width: 400px\" class=\"wp-caption alignright\"><a title=\"Noor M. Ghafury aus Afghanistan\" href=\"http:\/\/iahev.de\/wp-content\/uploads\/2009\/12\/afghanistan1_1024.jpg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\"><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" class=\"caption alignright size-full wp-image-7\" title=\"Noor M. Ghafury aus Afghanistan\" src=\"http:\/\/iahev.de\/wp-content\/uploads\/2009\/12\/afghanistan1_400.jpg\" alt=\"Noor M. Ghafury aus Afghanistan\" width=\"400\" height=\"300\" align=\"right\" border=\"0\" srcset=\"https:\/\/iah-ev.de\/wp-content\/uploads\/2009\/12\/afghanistan1_400.jpg 400w, https:\/\/iah-ev.de\/wp-content\/uploads\/2009\/12\/afghanistan1_400-300x225.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 400px) 100vw, 400px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-7\" class=\"wp-caption-text\">Noor M. Ghafury aus Afghanistan<\/figcaption><\/figure>\n<p><em>Einen sch\u00f6nen Guten Abend, sehr geehrte Damen und Herren,<br \/>\nich gr\u00fc\u00dfe Sie aus Kabul, der Hauptstadt des fernen Afghanistans.<br \/>\nIch hoffe, dass Sie alle heute einen angenehmen Abend miteinander verbringen und dabei afghanische K\u00f6stlichkeiten genie\u00dfen.<br \/>\nHierzu ein kurzer pers\u00f6nlicher Bericht \u00fcber die aktuelle Lage in Afghanistan:<\/em><\/p>\n<h2>Afghanistan braucht einen Neuanfang<\/h2>\n<p>Sehr geehrte Damen und Herren,<br \/>\nwie Sie wissen ist Afghanistan das wichtigste Schlachtfeld zwischen dem Westen, insbesondere den USA und den internationalen Djihadisten geworden. Ein deutliches Zeichen daf\u00fcr ist es, dass sich auch der amerikanische Pr\u00e4sident Obama Afghanistan zum wichtigsten Schlachtfeld im Kampf gegen den Terror gew\u00e4hlt hat. Die Medien berichten, dass <strong>j\u00e4hrlich<\/strong> mehr als 5000 Menschen durch Krieg und politische Gewalt in diesem Lande sterben. Die Zahl der Opfer steigt von Jahr zu Jahr.<\/p>\n<p>Nach Angaben <strong>westlicher Geheimdienste<\/strong> str\u00f6men die Terroristen aus Kaschmir, aus dem Irak, aus Zentralasien und wohl auch aus Europa herbei. Der unbeschr\u00e4nkte Einfluss der Kriegsherren und das fundamentalistische Gedankengut im Staatsapparat erleichtern den Einfluss und die Aktivit\u00e4ten der Fanatiker.<br \/>\nNeben den politisch motivierten Taliban und anderen politischen Regierungsgegnern breitet sich auch das organisierte Verbrechen in der instabilen Lage aus. Drogenkriminalit\u00e4t, Entf\u00fchrungen, Erpressungen und andere Verbrechen nehmen zu. \u00a0Machenschaften des Regierungspersonals, der \u00f6rtlichen Machthaber und eine korrupte Polizei bereiten entsprechende Bedingungen f\u00fcr ihren Zuwachs. Im Monatsdurchschnitt gibt es mehr als 600 gewaltsame Zwischenf\u00e4lle, die Tendenz weiter ansteigend.<br \/>\nZurzeit ist das ganze Land verunsichert. Der jetzigen korrupten, unf\u00e4higen und illegitimen Regierung ist es noch nicht einmal mit Hilfe der NATO und der Internationalen Gemeinschaft gelungen, auch nur in der Hauptstadt Kabul f\u00fcr Sicherheit und Stabilit\u00e4t zu sorgen. Sowohl die Taliban als auch die kriminellen Banden k\u00f6nnen sich in den St\u00e4dten frei bewegen.<br \/>\nViele Personen, die in Kabul f\u00fcr die Regierung oder f\u00fcr andere Institutionen und Organisationen arbeiten, k\u00f6nnen noch nicht einmal von der Hauptstadt \u00a0in andere St\u00e4dte und D\u00f6rfer reisen, ohne ihr eigenes Leben zu riskieren. Die Lage ist wirklich prek\u00e4r und die Sicherheitslage in Afghanistan wird tagt\u00e4glich schlechter. Das bezeugen nicht nur vermehrte Stacheldr\u00e4hte, Betonw\u00e4nde, Zementbl\u00f6cke, Barrikaden, schussbereite Kontrollposten und Wegesperren in der Hauptstadt Kabul, sondern auch die Entscheidung des amerikanischen Pr\u00e4sidenten Barak Obama, 30.000 Soldaten mehr nach Afghanistan zu schicken.<br \/>\nPr\u00e4sident Karzai hat es innerhalb von acht Jahren nicht geschafft, seine Autorit\u00e4t \u00fcber die Mauern seines Palastes hinaus auszudehnen und sich als Pr\u00e4sident zu etablieren. Die diesj\u00e4hrigen Pr\u00e4sidentschaftswahlen gestalteten sich als ein l\u00e4cherliches Drama. Der Wahlvorgang wurde nicht nach Recht und Gesetz durchgef\u00fchrt und so konnte, trotz gro\u00dfer Ausgaben und Opfer, keine demokratisch legitimierte Regierung zu Stande kommen.<br \/>\nAuch die wiedergew\u00e4hlte, derzeitige Regierung kam nicht nach Recht und Gesetz ins Amt sondern durch F\u00e4lschung, kriminelle Machenschaften, Gewalt und mit dem Geld, das die Internationale Gemeinschaft eigentlich f\u00fcr die Wiederherstellung von Recht und Gerechtigkeit, f\u00fcr den Wiederaufbau und die Entwicklung demokratischer Strukturen in Afghanistan ausgeben wollte.<br \/>\nLetztendlich gibt es in Afghanistan keine legitime Regierung, die von der Mehrheit der Bev\u00f6lkerung akzeptiert wird, eine Regierung, die auf dem Territorium des Landes gesetzliche Gewalt aus\u00fcben kann und f\u00fcr die Probleme der Bev\u00f6lkerung L\u00f6sungen sucht und praktiziert. Wenn die Regierung der Bev\u00f6lkerung keine Dienste, keine L\u00f6sungen anbieten kann, dann werden die Leute zwangsl\u00e4ufig zu den Gegnern dieser Regierung gehen.<br \/>\nIn Kabul wird eine <strong>illegitime, unglaubw\u00fcrdige und handlungsunf\u00e4hige<\/strong> Regierung gegen den Willen der afghanischen Bev\u00f6lkerung an der Macht gehalten. Diese Regierung wei\u00df nicht, was das Land braucht und kann noch nicht einmal das umsetzen, was seitens der Internationalen Gemeinschaft f\u00fcr den Wiederaufbau\u00a0 sozial-politischer Strukturen vorgeschlagen wird.<br \/>\nObwohl Afghanistan dringend Aufbau- und Wiederaufbauprojekte braucht und auch die Bev\u00f6lkerung in vielen Bereichen Unterst\u00fctzung ben\u00f6tigt, war die Regierung auch in diesem Jahr nicht in der Lage, auch nur die H\u00e4lfte des Entwicklungsbudgets zu nutzen. Es gibt etliche Ministerien, die sogar nicht einmal 30% ihres Entwicklungs\u00adbudgets genutzt haben. F\u00fcr die Regierung in Kabul ist nicht klar, was die Nation braucht und so kann sie die Mehrheit der Bev\u00f6lkerung nicht f\u00fcr sich gewinnen. Eine solche Regierungsf\u00fchrung, die weder mit der eigenen Bev\u00f6lkerung noch mit den Nachbarl\u00e4ndern und auch nicht mit der Internationalen Gemeinschaft vern\u00fcnftig und weitsichtig umgehen kann, wird selbst immer mehr Probleme erzeugen, anstatt f\u00fcr die L\u00f6sung von Problemen zu sorgen.<br \/>\nDie vergangenen acht Regierungsjahre haben deutlich gezeugt, dass Karzai ein schwacher, unf\u00e4higer Regierungsf\u00fchrer ist und seine Regierung mit den Heraus\u00adforderungen \u00fcberfordert ist. Er redet und redet \u2013 ohne zu handeln, ohne \u00fcberhaupt handeln zu k\u00f6nnen. In Afghanistan gibt es einen Spruch: \u201eErprobtes wieder und wieder zu erproben ist falsch.\u201c<br \/>\nDie Regierung in Kabul ist weder in der Lage gegen die Korruption erfolgreiche Ma\u00dfnahmen zu ergreifen noch die Verantwortung f\u00fcr die Sicherheit und Stabilit\u00e4t des Landes zu \u00fcbernehmen. Ein Vers\u00f6hnungsprozess und Friedensgespr\u00e4che mit Aufst\u00e4ndischen sind unter der Karzai-Regierung ebenfalls unvorstellbar.<br \/>\nDie Kabuler Regierung ist frauenfeindlich, intolerant und undemokratisch. Sie verhindert die Beteiligung der Frauen und andersdenkender Personen an den politischen Prozessen des Landes. Diese Regierung folgt nur einer einzigen Ideologie und Glauben bzw. der Scharia nach ihrer eigenen Interpretation. Andere Meinungen werden streng bestraft.<br \/>\n<a href=\"http:\/\/iahev.de\/wp-content\/uploads\/2009\/12\/afghanistan2_1024.jpg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\"><img decoding=\"async\" class=\" alignleft size-full wp-image-10\" src=\"http:\/\/iahev.de\/wp-content\/uploads\/2009\/12\/afghanistan2_400.jpg\" width=\"400\" height=\"300\" align=\"left\" border=\"0\" srcset=\"https:\/\/iah-ev.de\/wp-content\/uploads\/2009\/12\/afghanistan2_400.jpg 400w, https:\/\/iah-ev.de\/wp-content\/uploads\/2009\/12\/afghanistan2_400-300x225.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 400px) 100vw, 400px\" \/><\/a>Die afghanische Regierung ist sehr korrupt. \u00c4mter, darunter auch\u00a0 Ministerien werden gewisserma\u00dfen \u201everkauft\u201c. Bestechlichkeit ist in allen Beh\u00f6rden zu einem normalen Ph\u00e4nomen geworden. Sogar bei der Grund\u00adversorgung soll Bestechung f\u00fcr die Menschen inzwischen zur Tagesordnung geh\u00f6ren. Die Korruption ist au\u00dfer Kontrolle. Drogenh\u00e4ndler und andere Kriminelle werden aus den Gef\u00e4ngnissen entlassen,\u00a0 sogar vom Pr\u00e4sidenten Karzai pers\u00f6nlich. Die meisten Experten halten den Wunsch der USA und des Westens nach einer besseren Regierungsf\u00fchrung durch Karzai f\u00fcr einen unrealisierbaren Traum.<br \/>\nNach dem Sturz des Taliban-Regimes im Herbst 2001 behauptete die internationale Gemeinschaft, Afghanistan befrieden zu wollen, das Land zu stabilisieren und aus der Armut heraus zuf\u00fchren. Daf\u00fcr haben sie Soldaten entsendet und ihre Zahl immer wieder erh\u00f6ht. Aber je mehr Soldaten kamen und je mehr sie \u00bbin die Fl\u00e4che\u00ab gingen, im Land verbreitet wurden, desto st\u00e4rker wuchs die Unsicherheit im Lande. Die Erfahrungen in Afghanistan zeigen, dass eine erh\u00f6hte Zahl an Soldaten und Milit\u00e4rtechnik keine Garantie f\u00fcr die Sicherheit und die Stabilit\u00e4t im Lande sind.<br \/>\nSicherheit und Wiederaufbau sind untrennbar miteinander verbunden. Die Armee kann zwar eine kurzfristige Aktion aus\u00fcben, dann ist jedoch die Politik gefordert, Herzen und K\u00f6pfe der Bev\u00f6lkerung durch Ma\u00dfnahmen zum Wiederaufbau f\u00fcr sich zu gewinnen. Auch hier ist die afghanische Regierung hoffnungslos \u00fcberfordert.<br \/>\nWenn die internationale Gemeinschaft diese Ziele verwirklichen und den afghanischen Mitmenschen bei der Verbesserung ihrer Lebensverh\u00e4ltnisse helfen will, muss sie zun\u00e4chst die Entstehung und Etablierung einer stabilen, transparenten, funktionsf\u00e4higen und demokratisch legitimierten Regierung unterst\u00fctzen und damit ihr Potential unter Beweis stellen.<br \/>\nDie derzeitige kritische Lage beweist, dass es der falsche Weg ist, eine illegitime, korrupte und undemokratische Regierung zu st\u00fctzen, die in Folge von Gewalt, kriminellen Machenschaften und Wahlf\u00e4lschungen entstanden ist.<\/p>\n<p>Liebe Damen und Herren,<br \/>\nAfghanistan ist in einer sehr sensiblen Phase seiner Entwicklung. Ein Versagen in Afghanistan ist auch eine Niederlage des gesamten Westens und der Internationalen Gemeinschaft. Alle Staaten und Parteien, die diese politische Niederlage nicht zulassen wollen, sollten zusammenhalten und gemeinsam eine klare Strategie ausarbeiten. Entscheidend f\u00fcr die Umsetzung ist es, einen ehrlichen, f\u00e4higen und glaubw\u00fcrdigen Gespr\u00e4chs- und Handlungspartner in Afghanistan auszuw\u00e4hlen.<br \/>\nAfghanistan ist zu retten, aber daf\u00fcr braucht man einen qualitativ Neuanfang.<br \/>\nBevor \u00c4nderungen in den sozial-politischen Bereichen greifen k\u00f6nnen, braucht das Land zuerst einen entschiedenen Wechsel in der\u00a0 Regierungs\u00adf\u00fchrung.<br \/>\nWenn die Demokratisierung, Modernisierung und der Wiederaufbauprozess des Landes von den schon bekannten Gegnern der Demokratie, der Menschenrechte und eines modernen, toleranten Lebensstils gesteuert wird, k\u00f6nnen auch mehr Soldaten keine zukunftsf\u00e4higen Ergebnisse erzielen.<\/p>\n<p>Ich w\u00fcnsche Ihnen alles Gute und einen angenehmen Abend.<br \/>\n<em>Noor M. Ghafury<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Einen sch\u00f6nen Guten Abend, sehr geehrte Damen und Herren, ich gr\u00fc\u00dfe Sie aus Kabul, der Hauptstadt des fernen Afghanistans. Ich hoffe, dass Sie alle heute einen angenehmen Abend miteinander verbringen und dabei afghanische K\u00f6stlichkeiten genie\u00dfen. 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