{"id":148,"date":"2013-02-02T10:47:03","date_gmt":"2013-02-02T10:47:03","guid":{"rendered":"http:\/\/iahev.de\/?p=148"},"modified":"2020-04-18T21:41:00","modified_gmt":"2020-04-18T21:41:00","slug":"die-haende","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/iah-ev.de\/?p=148","title":{"rendered":"Die H\u00e4nde"},"content":{"rendered":"<p>Im Schein der Sonne, im Lampenlicht, bei der flackernden Flamme des Ofens, starre ich immer wieder auf meine H\u00e4nde und bilde mir ein, dass meine Finger immer l\u00e4nger werden, wie die Krallen einer Hexe.<br \/>\nDie Falten an den Fingergelenken \u00f6ffnen sich wie tiefe und finstere Gr\u00e4ber.<br \/>\nDie Adern meiner Handoberfl\u00e4che w\u00f6lben sich zu den festen Seilen der Galgen und meine Fingern\u00e4gel wachsen immer weiter. In diesem Moment umschlingen meine H\u00e4nde mit gro\u00dfem Druck meinen Hals. Mein Atem bleibt mir in der Kehle stecken und ich gebe T\u00f6ne von mir wie ein gew\u00fcrgter Hahn. In dieser Situation kommen die anderen mir zur Hilfe, rei\u00dfen mir meine H\u00e4nde von meinem Hals und sagen mit leiser Stimme: &#8222;Die Arme ist verr\u00fcckt geworden.&#8220;<\/p>\n<p>In Zeiten, in dem wir beim Essen sitzen und ich die Reisk\u00f6rner zu einem Bissen zusammenbringe und diese zu meinem Mund f\u00fchre, nehmen die wei\u00dfen Reisk\u00f6rner f\u00fcr mich eine graue Farbe an und d\u00fcnne Adern umschlingen die K\u00f6rner. Darauf hin schreie ich entsetzt auf. Weinend laufe ich aus dem Zimmer und die anderen sagen: &#8222;Die Arme ist verr\u00fcckt geworden.&#8220;<\/p>\n<p>Wenn ich die W\u00e4sche wasche, bilden sich im Becken runde Seifenbl\u00e4schen. Die Bl\u00e4schen werden lebendig und langsam bilden sie sich zu blutdurchflossenen Adern. Schnell schlie\u00dfe ich meine Augen und lehne meinen Kopf an die Hofmauer und weine. Wieder sagen die anderen: &#8222;Die Arme ist verr\u00fcckt geworden.&#8220;<\/p>\n<p>Aber diese Verr\u00fcckten wissen nicht, dass ich v\u00f6llig bei Sinnen bin.<br \/>\nNur sind es meine H\u00e4nde, die mich nicht in Ruhe lassen. Nur sind es meine Finger, die mich in jeder Situation durcheinander bringen.<br \/>\nIch hasse nur meine H\u00e4nde, mit denen ich am Tag des Vorfalls die kleinen wei\u00dfen und grauen St\u00fccke des Gehirns meiner Tochter von dem eisernen Tor des Hofes sammelte. Die Gehirnst\u00fccke waren noch warm und auf ihnen waren Netze von roten und blauen Adern zu sehen. Ich schaute sie an und meine Augen erstarrten. Mit verzweifelten Augen fragte ich sie: &#8220; Meine Moruarid, meine Perle! Was hast du hier drin versteckt? Was hast du in den 4 Jahren deines verlorenen Lebens hier gespeichert?&#8220; Die Gehirnst\u00fccke zogen sich zusammen und wurden k\u00fchl. Da erst habe ich verstanden, dass ihr Gehirn in den Zeiten des Krieges nichts au\u00dfer Missgunst und Hass annehmen konnte.<br \/>\nIch legte die Gehirnst\u00fccke mit diesen gef\u00fchllosen Fingern in einer Wanne,<br \/>\nja mit diesen kalten H\u00e4nden.<br \/>\nDanach war ich an den Baum\u00e4sten besch\u00e4ftigt, und sammelte dort mit diesen H\u00e4nden St\u00fcck f\u00fcr St\u00fcck ihr K\u00f6rperfleisch. Ihr Fleisch war fein wie die Waden.<br \/>\nIch nahm alle Fleischst\u00fccke, damit sie nicht den Aasfressern als Nahrung dienen.<br \/>\nIm Leichentuch ihres ganzen K\u00f6rpers war nicht mehr als ein oder zwei Kilo Fleisch und Knochen zusammengekommen, als ob der Rest von der menschenfressenden Rakete verschlungen wurde.<br \/>\nNach zwei Tagen fand ich im Hof zwischen den Gr\u00e4sern ein h\u00e4rteres Fleischst\u00fcck, gleich auf dem ersten Blick erkannte ich es. Genau, das war ein St\u00fcck ihres nicht erf\u00fcllten Herzens, welches mir ein Lied des Abschieds sang. Ich f\u00fchlte es, als sei es noch warm. Durch dieses Herz sah ich noch einmal meine get\u00f6tete Kleine, ihre dunklen Augen blickten mich sehnsuchtsvoll an, und begannen mit mir zu sprechen. Ich lag auf dem Gras, nahm sie sicher auf die Fingerkuppe, gab ihr warme K\u00fcsse auf die Wange, streichelte ihre schwarz gelockten Haare und \u00fcbergoss ihren zierlichen K\u00f6rper mit meinen hei\u00dfen Tr\u00e4nen. Ich fragte sie: &#8222;Sag mir, was ist in dir versteckt?&#8220;, doch sie murmelte nur undeutlich, als ob in ihr kein weiteres Verlangen sprudelte. Nochmals k\u00fcsste ich es. Leise fl\u00fcsterte ich ihr ins Ohr: &#8220; Ich will dich nicht weggeben, ich will dich bei mir behalten. An meinem Herzen n\u00e4he ich eine Tasche und dort verstecke ich dich weit vor den Augen der anderen. Ich lasse es nicht zu, dass sie auch dich in die schwarze Erde begraben und Ameisen deine Qualen noch mehr erh\u00f6hen.<br \/>\nDoch leider haben mich diese anderen nicht gelassen. Von meinen Fingern raubten sie mir das letzte Zur\u00fcckbleiben meines lieben Kindes und nahmen es mit sich.<br \/>\nNun verbleibe ich mit meinen leeren H\u00e4nden, mit den H\u00e4nden, mit denen ich die Leichen der Tausenden von Zellen meiner Tochter der feuchten Erde \u00fcbergeben habe.<br \/>\nIch verabscheue diese H\u00e4nde. Diese H\u00e4nde sind die Sprecher der zumeist schmerzenden Erinnerung meines Lebens. Mir graut es vor ihnen.<br \/>\nWenn ich meine H\u00e4nde anschaue, tanzen vor meinen Augen die H\u00e4nde des Bombenwerfers, welche hunderte M\u00fctter aufgrund der Trauer um ihre Kinder der Welt entfremdeten. Da frage ich mich selber, ob er nicht auch seine H\u00e4nde hasst? Ob er, wenn er seine Bissen mit diesen H\u00e4nden zum Mund f\u00fchrt, nicht den Gestank von Blut riecht??? Und was ist mit den\u00a0 Gef\u00fchlen der Menschen, die diese Bomben und solche Flugzeuge produzieren???<\/p>\n<p>Geschrieben\u00a0 im Jahr 2001, auf\u00a0 Grund einer realen Geschehens\u00a0 in\u00a0 der Zeit vom B\u00fcrgerkrieg 1993 in Kabul.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Schein der Sonne, im Lampenlicht, bei der flackernden Flamme des Ofens, starre ich immer wieder auf meine H\u00e4nde und bilde mir ein, dass meine Finger immer l\u00e4nger werden, wie die Krallen einer Hexe. Die Falten an den Fingergelenken \u00f6ffnen sich wie tiefe und finstere Gr\u00e4ber. 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