{"id":149,"date":"2013-02-02T10:48:13","date_gmt":"2013-02-02T10:48:13","guid":{"rendered":"http:\/\/iahev.de\/?p=149"},"modified":"2020-04-18T21:40:45","modified_gmt":"2020-04-18T21:40:45","slug":"die-liebe-zum-wald","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/iah-ev.de\/?p=149","title":{"rendered":"Die Liebe zum Wald"},"content":{"rendered":"<p>Einst lebte ein J\u00fcngling, der eine tiefe Hingabe zu Tannen hegte. Er liebte die Tannen und den Wald wie seine eigene Seele, die Hochwachsenden waren sein Augenlicht. Die bedingungslose Liebe hatte in ihm wurzelgeschlagen, so dass er sich als ein Teil von ihnen betrachtete. Manchmal erweckte die Zuneigung in ihm das Gef\u00fchl, dass der Wald ein Teil seines eigenen K\u00f6rpers war, mit dem er atmete und gemeinsam aufwuchs. Der Sinn der Zusammengeh\u00f6rigkeit war in ihm so stark, da er dem Wald sein Leben verdankte. Es wird erz\u00e4hlt, dass der J\u00fcngling in seiner Kindheit so schwer erkrankte, dass kein Arzt ihn behandeln konnte. Die letzte Hoffnung war ein Heiler, der aus den Wurzeln einer Tanne eine Medizin f\u00fcr ihn zubereitete, die sein Leben rettete. Die Liebe zum bezaubernden und gewaltigen Wald hob sich empor und bekam kr\u00e4ftige \u00c4ste und eine Krone. Der Knabe sa\u00df tagt\u00e4glich nach dem Unterricht und auch nach der Arbeit am Fu\u00dfe der Tannen. Er genoss es, diese zu betrachten und teilte mit ihnen seine tiefsten Bed\u00fcrfnisse und Gedanken. Sein inneres Verlangen wuchs im Laufe der Zeit und die Kraft seiner Arme nahm zu. Seine ganzen Gedanken drehten sich nur noch darum, was er unternehmen k\u00f6nnte, um der Pracht der Tannen gerecht zu werden.<\/p>\n<p>Sie waren so bezaubernd und so lieblich. Er verehrte seine gr\u00fcnen Sch\u00e4tze bis zur Grenze der Heiligkeit. Einzig waren ihm ein Dorn im Auge, der Wuchs und die Gestalt anderer B\u00e4ume, die um die Tannen herum wuchsen. Immerzu erboste es ihn, dass seine Tannen die Erde, den Regen, die Luft und die Sonne mit den anderen B\u00e4umen teilen mussten, obwohl seinen Smaragden alles geb\u00fchrte. Er wollte nicht verstehen, wieso so viele Ressourcen seines Waldes, Beute anderer B\u00e4ume werden sollten.<\/p>\n<p>Eines Tages ging der Halbstarke ger\u00fcstet mit der Axt in der Hand, Hass im Herzen und der Leidenschaft im Kopf in sein geliebtes gr\u00fcnes Heim. Die Statur und der Wuchs des Fremden, welche er von abweichender Natur der Tannen dort vorfand, enthauptete und zerbrach er, konnte jedoch nicht alles entwurzeln. Nach nicht allzu langer Zeit wuchsen und zeigten sich von den \u00fcberlebenden Wurzeln sanfte Sprossen und frische Bl\u00e4tter. Als w\u00fcrde jede von ihnen sich anma\u00dfend und zur schaustellend \u00fcber die Torheit des J\u00fcnglings belustigen. Allm\u00e4hlich verlor der Knabe seine Nerven und suchte einen neuen L\u00f6sungsweg. Er begriff, dass diese Arbeit ihm nicht alleine gelang, sodass er Kumpanen suchte, die ihm in dieser gro\u00dfen Mission behilflich w\u00e4ren. Mit resoluter Entschlossenheit begann er diesmal mit der Vernichtung der Spr\u00f6sslinge nicht mehr im Alleingang sondern gemeinsam mit seinen Freunden. Mal schlugen sie mit ihren \u00c4xten auf die Eichen ein und verwundeten anschlie\u00dfend die Platanen, mal schlugen sie die Kronen der Buchen ab und mal s\u00e4gten sie am Stamm der Weiden. Kleinere B\u00fcsche wurden leichter beseitigt und vergr\u00f6\u00dferten den angesammelten Brennholzhaufen f\u00fcr den Winter. Doch auch seine Kumpanen und deren Begleitung f\u00fchrten erneut den J\u00fcngling nicht zum ersehnten Ziel. Der Wald verlor nunmehr seine urspr\u00fcngliche Farbe und Frische. Sein wohlriechender Duft war nicht mehr der Seelenbalsam, den er mal war. Das Rauschen der Bl\u00e4tter lie\u00df in den Ohren des Knabens ein fremdes Lied erklingen. Doch das war dem J\u00fcngling nicht genug, er wurde zornig und m\u00fcrrisch. Seine Liebe zum Wald wandelte sich zur Qual um und sein Blut zu Gram und Trauer. Er holte Ratschl\u00e4ge von seinen Freunden ein, um sein Ziel, die Vernichtung der anderen Arten, zu erreichen. Jemand erz\u00e4hlte ihm von der unbegrenzten Macht der Maschinen und entwertete die Axt und die S\u00e4ge als Nichtigkeit und als unproduktiv. So versuchten sie alle gemeinsam Maschinen zu organisieren, um die noch stehenden fremden B\u00e4ume auszurei\u00dfen, und um die Tannen von der Plage dieser Dreisten und Unversch\u00e4mten zu befreien. Als die gewaltigen Maschinen gef\u00fchrt von fremden Fahrern in den Wald einrollten, lie\u00dfen sie den Akazien, Buchen und Weiden keine Gelegenheit zum Stehen. Sie enthaupteten und schlugen die St\u00e4mme mit einer derartigen Gewalt, dass sie sogar schlimmer als Nimrod zu Gange waren. Die gefallenen St\u00e4mme waren nicht nur den fremden Baumarten zuzuordnen, es waren auch viele Tannen wiederzufinden, die unter den Maschinen geraten waren und nun leblos auf dem Boden lagen. Als der Knabe seine gefallenen Liebsten erblickte, schlug er die H\u00e4nde \u00fcber dem Kopf zusammen und schrie aus Leib und Seele. Sein Schrei reichte bis hin zu Gottes Thron. Doch der L\u00e4rm der Maschinen \u00fcbert\u00f6nte die Leidklagen des J\u00fcnglings, sein Geschrei verblasste in Gegenwart der gewaltigen Motoren.<\/p>\n<p>Die einstigen Tage waren gez\u00e4hlt, der Wald schien kahl und leer. Vereinzelt zeigten sich verlassene Tannen, die ihre fr\u00fchere Pracht verloren hatten. Von ihren Nadelbl\u00e4ttern tropfte es Wasser. Als ob sich jede einzelne Zelle zu Tr\u00e4nen und jedes einzelne Blatt zu Augen verwandelt h\u00e4tten. Obwohl sie mit mehr Sonnenlicht begl\u00fcckt waren und ihnen mehr Wasser und Erde zur Verf\u00fcgung stand, war ihnen Freude fern. Das gr\u00fcne Waldgewand verlor seine Farbe und auch sein Parf\u00fcm war verloren gegangen.<br \/>\nDer J\u00fcngling rannte mit Sorge erf\u00fcllt auf und ab. Er blickte in alle Himmelsrichtungen, doch er fand nichts als Trauer und Ungl\u00fcck. Die einstige Herrlichkeit des Waldes erschien nun prunklos. Er begann unaufh\u00f6rlich zu weinen, zu schreien und klagte \u00fcber die Farblosigkeit des Waldes und der verwelkten Bl\u00e4tter. Er fragte die B\u00e4ume, sprach mit den \u00c4sten, sa\u00df zu den F\u00fc\u00dfen der Wurzeln und stellte seine Fragen. Er weinte so bitter und schrie so schmerzvoll, dass endlich eine Tanne, die selbst in Tr\u00e4nen versunken war, seine von Leid erf\u00fcllte Stimme erhob und erwiderte.<\/p>\n<p>\u201eOh du stolzer Mensch, was hast du blo\u00df unserem Walde angetan? Du nahmst uns die Platanen, die jahrelang mit uns wuchsen und sich mit uns entwickelten. Unsere sch\u00f6nen Weiden, deren Pracht unser Stolz war, hast du vernichtet. Die Eichen, die unser Begleiter in schneereichen Winter waren, rodetest du. Wir B\u00e4ume lebten in Symbiose, wir waren miteinander verbunden und erhielten uns gegenseitig am Leben, doch du hast unsere Freunde gek\u00f6pft. Erinnere dich an unseren sch\u00f6nen Fr\u00fchling, in den bis einer gr\u00fcn wurde, der andere knospte und der dritte Bl\u00e4tter und Fr\u00fcchte zum Vorschein brachte. Was waren das f\u00fcr sch\u00f6ne Fr\u00fchlinge, in denen jeder sich von den anderen unterschied und trotz dieser Gegens\u00e4tze wir eins waren. Erinnere dich an unseren Herbst, in den einer seine Farbe schnell wechselte und die anderen ihm folgten. Erinnere dich an die Vielfalt und den Glanz unserer Farben. Einer wurde rot und der andere gelb, unter ihnen stach mein Gr\u00fcn hervor und besa\u00df Anmut. Meine Pracht findet sich nur unter den Regenbogenfarben der anderen. Die kleinen B\u00fcsche gaben mir Kraft. Die prunkvollen B\u00e4ume schenkten mir Erhabenheit und Heiterkeit. Und das Rauschen ihrer Bl\u00e4tter s\u00e4nftigte meine Seele. Jetzt besitze ich keine Sch\u00f6nheit mehr, weil wir alle einander gleichen. Meine gr\u00fcne Farbe ist nicht mehr anziehend, weil alles gr\u00fcn ist. Meine Stimme ist in der Leere der Luft nicht mehr fesselnd, weil wir alle mit einkl\u00e4ngigen Stimmen versehen sind. Meine Gr\u00f6\u00dfe ist nicht mehr pr\u00e4chtig, weil wir alle gro\u00df sind. Jetzt sind nur noch wir, in unserem eint\u00f6nigen Umfeld.<br \/>\nOh du unbesonnener Knabe! Wenn du in die Tiefe des Waldes hineingehst, w\u00fcrdest du in einem anderen Winkel andere r\u00fccksichtslose Menschen antreffen, die wie du f\u00fcr eine Baumart schw\u00e4rmen und mit der Vernichtung der restlichen B\u00e4ume besch\u00e4ftigt sind. Jeder versucht das Gebiet seines Lieblingsbaumes auszuweiten, doch ihr wisst nicht, dass sich dieser Wald nicht in eurem Besitz befindet. Mit eurer selbsterschaffenen Besitzurkunde setzt ihr das Leben eurer Lieblinge aufs Spiel, anstatt sie zu sch\u00fctzen und zu pflegen. Ihr ahnt nicht, dass wie ihr tausend Weitere kommen und gehen werden, aber dieser Wald mit seinen facettenreichen B\u00e4umen und Pflanzen euch \u00fcberdauern wird. Und das <strong>nur<\/strong> mit seiner unterschiedlichen Flora und Fauna! Eine Art alleine kann nie \u00fcberleben.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Einst lebte ein J\u00fcngling, der eine tiefe Hingabe zu Tannen hegte. Er liebte die Tannen und den Wald wie seine eigene Seele, die Hochwachsenden waren sein Augenlicht. Die bedingungslose Liebe hatte in ihm wurzelgeschlagen, so dass er sich als ein Teil von ihnen betrachtete. 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