{"id":189,"date":"2013-02-28T16:03:48","date_gmt":"2013-02-28T16:03:48","guid":{"rendered":"http:\/\/iahev.de\/?p=189"},"modified":"2020-04-18T21:21:42","modified_gmt":"2020-04-18T21:21:42","slug":"die-flucht-aus-afghanistan","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/iah-ev.de\/?p=189","title":{"rendered":"Die Flucht aus Afghanistan"},"content":{"rendered":"<h2>Die Flucht aus Afghanistan<\/h2>\n<p>Es war vier Uhr morgens, als ich mit meinem Mann und meinen drei kleinen Kindern, von denen ich eins noch im Arm trug, unser Haus in Kabul verlie\u00df. Bis vier Uhr bestand damals in der Stadt Ausgehverbot. Einerseits musste man so fr\u00fch wie m\u00f6glich, noch in der D\u00e4mmerung, das Haus verlassen, damit es der Sicherheitsdienst der Regierung in Kabul nicht bemerkt und andererseits konnte man erst ab vier Uhr hinausgehen. Meine letzten Momente in dem Haus, in dem ich aufgewachsen bin, waren die schwierigsten. Ich stand im Hof vor der \u00fcberdachten Treppe, die zur T\u00fcr an der Stra\u00dfe f\u00fchrte. Von hier konnte ich das Geb\u00e4ude, welches meine Vergangenheit, meine gl\u00fccklichen und ungl\u00fccklichen Zeiten spiegelte, sehen. Genau diese Treppe trennte meine Vergangenheit von meiner Zukunft. Noch einen Schritt weiter, dann k\u00f6nnte ich nicht mehr zur\u00fcck. Aber vorerst stand ich f\u00fcr eine Weile dort. Ich betrachtete das hellgr\u00fcne Haus, welches in der D\u00e4mmerung grau erschien, lie\u00df meine gl\u00fcckliche Kindheit und die Jugendjahre Revue passieren lassen. Ich wanderte in meinen Gedanken durch viele erf\u00fcllte Jahre, in denen ich meine Kinder bekommen und sie auch zum Teil hier aufzogen hatte. Ich verabschiedete mich mit fl\u00fcchtigen Blicken voller Schmerzen vom Haus und dem kleinen Hof, den \u00c4pfelb\u00e4umen und der kleinen Font\u00e4ne, von jedem einzelnen Stein und Grashalm. Nachdem ich den einsamen Treppengang durchschritten hatte, fuhr ich mit meiner Hand an der kalten, eisernen, blauen T\u00fcr entlang und verabschiedete mich von ihr f\u00fcr immer.<\/p>\n<p>Wir fuhren mit einem Taxi bis zum Busbahnhof. Dort warteten bereits einige Busse auf die Reisenden, um sie von Kabul nach\u00a0 Nordafghanistan zu bringen. Unser Ziel war es, im Norden die afghanische Grenze zu Tadschikistan zu \u00fcberqueren und weiter nach\u00a0 Europa zu fl\u00fcchten. Es war ein Montag, Anfang April 1992. Damals war der Salang-Tunnel im Hindukusch nur f\u00fcr zwei Tage in der Woche f\u00fcr die Reisenden von S\u00fcd nach Nord und zwei Tage f\u00fcr die von Nord nach S\u00fcd ge\u00f6ffnet. In\u00a0 den \u00fcbrigen Tagen der Woche war der Tunnel nur f\u00fcr das Milit\u00e4r offen. Es war die Ruhe vor dem Sturm. Mein Mann, die Kinder und ich hatten uns sehr \u00e4rmlich gekleidet, um jegliche Aufmerksamkeit\u00a0 zu vermeiden. Meine Brille st\u00f6rte mich sehr unter der blauen Burka, die ich zum ersten Mal anhatte. Hier trafen zwei widerspr\u00fcchliche Welten aufeinander. Zum einen\u00a0 die Durchblick verschaffende Brille als Zeichen von Bildung und Fort-schritt und zum anderen die Durchblick versperrende Burka, als\u00a0 Zeichen des Analphabetismus und des R\u00fcckschritts. Doch in dieser\u00a0 Situation war die einzige M\u00f6glichkeit, sicher das Ziel zu erreichen, die\u00a0 Verbindung der beiden Elemente. Bevor wir in den Bus einstiegen, mussten wir den schwierigsten Abschied\u00a0 erleben, n\u00e4mlich den von unseren zur\u00fcckgebliebenen Verwandten und\u00a0 Familienmitgliedern. Das Leid meines Abschieds zu beschreiben, sind\u00a0 W\u00f6rter machtlos, allein meine Tr\u00e4nen k\u00f6nnten dies tun. So habe ich meine Stadt verlassen, die Stadt meiner Tr\u00e4ume, meiner\u00a0 Trauer, meiner Freude, meiner guten und schlechten Erinnerungen. In nur\u00a0 einem Augenblick habe ich mich von all dem getrennt, was mein Leben\u00a0 ausmachte. Ich habe mich von meinem Geburtsort, meinen Verwandten und\u00a0 langj\u00e4hrigen Freunden und Nachbarn, von meinem Beruf, den Kollegen und B\u00fcchern und meinen Verpflichtungen, mit einem Wort, von meinen\u00a0 Wurzeln getrennt. Im Bus fing ich an, ein Gedicht zu\u00a0 verfassen, das ich nie beendet habe. Doch die ersten Zeilen\u00a0 habe ich nie vergessen und sie werden mich mein Leben lang begleiten:<\/p>\n<p>Ich kenne deine Wunde und du kennst mein Gl\u00fcck,<br \/>\nleidenschaftlich w\u00fcnsche ich mir, bei dir zu bleiben und verabscheue die<br \/>\nDistanz,<br \/>\nbesch\u00e4mt von meiner Entscheidung im Kampf um Leben und Tod,<br \/>\nlasse ich meine Seele leiden, um meinen Leib zu retten\u2026<\/p>\n<p class=\"dari\">\u0645\u0646 \u062f\u0627\u0646\u0645\u00a0 \u0648\u00a0 \u0632\u062e\u0645 \u062a\u0648\u060c \u062a\u0648 \u062f\u0627\u0646\u06cc\u00a0 \u0648\u00a0 \u0622\u0631\u0627\u0645\u0645\u00a0\u00a0\u00a0 \u00a0\u00a0\u00a0 \u0634\u0648\u0642 \u0628\u0648\u062f\u0646\u0645 \u0628\u0627\u062a\u0648\u0633\u062a\u060c \u0627\u0632 \u0641\u0627\u0635\u0644\u0647 \u0628\u06cc\u0632\u0627\u0631\u0645<br \/>\n\u0634\u0631\u0645\u0646\u062f\u0647 \u06cc \u062a\u0635\u0645\u06cc\u0645 \u0627\u0645 \u062f\u0631 \u062c\u0646\u06ab \u062d\u06cc\u0627\u062a \u0648 \u0645\u0631\u06ab\u00a0\u00a0\u00a0 \u00a0\u00a0\u00a0 \u0622\u0632\u0631\u062f\u0647 \u06a9\u0646\u0645 \u0631\u0648\u062d\u0645\u060c \u062a\u0627 \u0635\u0631\u0641\u0647 \u0634\u0648\u062f \u062c\u0627\u0646\u0645<\/p>\n<p>Als wir nach zwei Tagen und einer Nacht Tadschikistan erreichten,\u00a0 verabschiedete ich mich auch von der zweit\u00e4gigen Burka. Wir waren noch\u00a0 unterwegs, als in Afghanistan der B\u00fcrgerkrieg ausbrach, in dem im Laufe von\u00a0 vier Jahren allein in Kabul mehr als 60 000 Menschen ums Leben kamen.<\/p>\n<h2>Leben in Deutschland<\/h2>\n<p>Jeden Tag, seit zwei Jahren, wenn ich von Moischt nach Marburg und zur\u00fcck fahre, sehe ich einen gro\u00dfen Baum, der infolge eines Sturms entwurzelt wurde und auf einem kleinen H\u00fcgel am Stra\u00dfenrand liegt. Im Fr\u00fchjahr wird die Baumkrone sogar gr\u00fcn, obwohl der Baum am Boden liegt. Jedes Mal, ohne Ausnahme, erinnert mich dieser entwurzelte Baum an die Migranten, die durch einen starken Sturm entwurzelt worden sind. Die Frage, ob die Migranten hier in Deutschland wie dieser Baum wieder wachsen, wieder neue Wurzeln schlagen und Fr\u00fcchte tragen werden, ist die Grundfrage. Oder werden sie sofort austrocknen und nur f\u00fcr ihre Kinder leben und selber im erlebten Trauma weiter gefangen sein und darunter leiden?<\/p>\n<p>Als ich mit meiner Familie nach Deutschland kam, konnte ich kein einziges Wort deutsch. Das erste Wort, das ich gelernt habe, war \u201eBahnhof\u201c, ohne Artikel. Der tschechische Schlepper, der uns durch die gr\u00fcne Grenze nach Deutschland gebracht hatte, warf uns und die anderen, die im Minibus sa\u00dfen, auf einem leeren Parkplatz im Stadtzentrum von M\u00fcnchen raus und fuhr blitzschnell davon. Ich hatte von einem Verwandten die Empfehlung bekommen, das Wort \u201eBahnhof\u201c zu lernen. Damit konnte ich in einer Kombination mit Englisch den Bahnhof und die weiteren Wege bis zu unseren Verwandten in Deutschland finden. Der Bahnhof und die Schienen, sie waren f\u00fcr mich das Herz und die Adern des neuen Lebens in Deutschland.<\/p>\n<p>Dank vieler Sprachen, die ich erlernt hatte und des asiatischen und islamischen kulturellen Hintergrunds konnte ich mit den Migranten aus Osteuropa, Asien und einigen anderen L\u00e4ndern im Aufnahmelager und auch sp\u00e4ter in Marburg gut kommunizieren und mich verst\u00e4ndigen. Trotz allem war mein wichtigstes Ziel der Erwerb der deutschen Sprache. Vom ersten Tag an habe ich angefangen, die Sprache zu erlernen und bis heute bin ich tagt\u00e4glich dabei, Neues in der Sprache zu lernen.<br \/>\nDies war die einzige Rettung f\u00fcr mich. Das Ziel war, die deutsche Gesellschaft gut kennen zu lernen. Mit der gesellschaftlichen Dynamik des Landes bewusst zu leben, hei\u00dft mit offenen Augen leben, genie\u00dfen, leiden, fallen, aufstehen und weitergehen.<\/p>\n<p>Vom ersten Tag an erhielten ich und meine Familie das Existenzminimum zum Lebensunterhalt f\u00fcr Migranten in Deutschland. Das war nat\u00fcrlich lebenswichtig. Jedoch gab es genug andere Gr\u00fcnde zur Besorgnis: Die Nachrichten vom B\u00fcrgerkrieg im Lande, das afghanische Fl\u00fcchtlingsdrama in Pakistan und in anderen L\u00e4ndern. Die Mutlosigkeit und Perspektivlosigkeit der fr\u00fcheren Migranten, ihre Angst vor der Zukunft der Kinder, die rechtlichen Probleme und viele andere gesellschaftlichen und privaten Probleme hielten uns gefangen. Es kam nicht nur einmal vor, dass ich von einigen Bekannten und Verwandten in Deutschland in einem ironischen Ton h\u00f6ren musste, dass ich mein Diplom wegwerfen solle, weil dies in Deutschland keine Bedeutung mehr habe. Einmal sagte eine Frau, die mich fast seit der Kindheit kannte: \u201eWorin liegt nun der Unterschied, dass du fast dein ganzes Leben gelernt hast und ich nicht? Wir erhalten hier beide die gleiche Sozialhilfe und deine Bildung wird dir hier nicht weiterhelfen.\u201c Ich muss sagen, diese Leute waren keine Feinde von mir und sagten dies nicht aus Missgunst, aber diese Meinung herrschte mindestens in der uns bekannten afghanischen Gesellschaft in Deutschland vor. Diese Zeiten sind mir sehr schwer gefallen. Ich stellte mir immer die Frage: Ist es wahr, dass mit der Migration meine Pers\u00f6nlichkeit f\u00fcr immer erloschen ist, habe ich fast 30 Jahren umsonst gelernt, werden meine Erfahrungen niemandem etwas bedeuten, muss ich f\u00fcr immer eine Last f\u00fcr die Gesellschaft sein, habe ich keine Ressourcen, die f\u00fcr diese Gesellschaft auch n\u00fctzlich sein k\u00f6nnen? Diese Fragen qu\u00e4lten mich, aber das Leben ging weiter. Durch unsere Kinder lernten wir in der Schule und im Kindergarten wunderbare Menschen kennen, die uns als Pers\u00f6nlichkeit betrachteten. Sie zeigten Verst\u00e4ndnis und Respekt, sie interessierten sich f\u00fcr unsere Geschichten und Erlebnisse. Neben den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Sozialamtes waren sie die ersten Kontakte zur Gesellschaft f\u00fcr uns.<br \/>\nNach zwei Monaten konnte ich kleine Gespr\u00e4che f\u00fchren. Ich lernte zusammen mit den Kindern die deutsche Sprache. Mein Mann und ich f\u00fchrten einen Wettbewerb im Deutschlernen. Jeden Tag fragten wir uns die aufgeschriebenen W\u00f6rter in unseren Heftchen gegenseitig ab.<\/p>\n<p>Die Situation in Afghanistan versch\u00e4rfte sich. Die Fl\u00fcchtlingstrag\u00f6die ging weiter. Wir verga\u00dfen unsere pers\u00f6nlichen Probleme. Unsere Gedanken waren bei den Verwandten und den Menschen in Afghanistan. Wir konnten nicht gleichg\u00fcltig bleiben und nur zusehen und weinen. Genau da sollten wir unsere F\u00e4higkeiten nutzen. Die Zeit und die Situation gaben uns eine Aufgabe. Nach vielen Jahren, wenn ich jetzt zur\u00fcckschaue, kann ich mit Gewissheit sagen, dass wir diese Aufgabe nach unseren M\u00f6glichkeiten gut erf\u00fcllt haben. Wir engagierten uns ab 1993 politisch und sozial f\u00fcr Afghanistan. Damals erhielten in Afghanistan die ethnischen Unterschiede ein bisher unbekanntes Gewicht. Mein Mann und ich geh\u00f6ren zwei verschiedenen Ethnien an, aber die Unterschiede bedeuten nicht Trennung und Streit, sondern Bereicherung und Vielfalt in unserer Familie. Deshalb haben wir versucht, f\u00fcr die nationale Einheit des afghanischen Volks zu arbeiten. Au\u00dferdem organisierten wir eine Hilfsinitiative f\u00fcr Fl\u00fcchtlinge in Pakistan, die \u201eInitiative afghanisches Handwerk\u201c. Durch diese Arbeit lernten wir neue Freunde kennen. Wir haben den &#8222;Dritte-Welt-Laden&#8220; entdeckt, und dadurch bekam unser Verein eine gute Unterst\u00fctzung. Im Jahr 1995 hielt ich zum ersten Mal einen Vortrag mit Diskussion \u00fcber die Situation in Afghanistan im Geographischen Institut in Marburg. Wenn ich jetzt zur\u00fcckblicke, war das sehr mutig. Um mit einer deutschen Sprache, gelernt in der Volkshochschule, nach zweieinhalb Jahren einen Vortrag zu halten, muss eine gro\u00dfe Motivation dahinterstecken. Und ja, ich sehnte mich nach einem Aufschrei f\u00fcr mein Land und meine Landsleute. Und dieses innere Gef\u00fchl verscheuchte die Angst vor der Ohnmacht in der deutschen Sprache und vor der Unsicherheit gegen\u00fcber Kritik. Ich bin meiner damaligen Nachbarin sehr dankbar daf\u00fcr, dass sie meinen vorgeschriebenen Vortrag sprachlich korrigierte und tippte.\u00a0 Einige Afghanen arbeiteten eng mit uns zusammen, manche staunten sehr, manche sprachen gut, einige schlecht \u00fcber uns. Es war keine leichte Zeit. Doch es war uns egal. Denn viel wichtiger war es, dass wir unserem Herzen und Gewissen treu bleiben konnten und danach gehandelt haben. Wir haben durch unsere T\u00e4tigkeit die Solidarit\u00e4t der Menschen, im Namen der Menschlichkeit, f\u00fcr afghanische Fl\u00fcchtlingsfrauen und Kinder gest\u00e4rkt. Wieder einmal wurde bewiesen, dass Menschlichkeit wichtiger und gro\u00dfartiger ist, als die Unterschiede zwischen den Menschen. Dadurch wurden viele Frauen und ihre Familien gerettet. Einige Kinder, die damals in der Migration in Pakistan durch diese Unterst\u00fctzung zur Schule gingen, studieren jetzt.<\/p>\n<p>Das ganze ehrenamtliche Engagement brachte uns auch wichtige Dinge bei, wie neue Erfahrungen, Selbstbewusstsein und den Mut etwas zu \u00e4ndern, Bekanntschaften und Vertrauen zu Menschen und zu sich selbst. Die Lehren dieser Jahre und dieser Arbeit h\u00e4tten wir in keiner Universit\u00e4t der Welt erlernen k\u00f6nnen.<br \/>\nAb 1995 konnte ich eine T\u00e4tigkeit in der p\u00e4dagogische Familienhilfe finden und ab 1996 nutzte ich die M\u00f6glichkeit, die es unter anderem auch f\u00fcr Migranten gab, eine BSHG &#8211; Stelle aus dem F\u00f6rderprogramm des Sozialamts im Marburger Frauenhaus zu erhalten. So wurde es mir m\u00f6glich, mit eigener Arbeit den Lebensunterhalt f\u00fcr die ganze Familie zu verdienen und die neuen Arbeitsmethoden in Deutschland und die Zusammenarbeit mit den Deutschen am Arbeitsplatz kennen zu lernen.<br \/>\nDanach habe ich mich daf\u00fcr eingesetzt, dass die Stadt Marburg f\u00fcr Migrantinnen eine Beratungsstelle schafft. Die Marburger Frauenbeauftragte verlangte ein Konzept dazu, und ich schrieb dies aus meiner Erfahrung und Betroffenheit. Dieses ist mir anscheinend gelungen. Das Arbeitsamt und die B\u00fcrgerinitiative f\u00fcr soziale Fragen e.V. (BSF) haben mich -probeweise f\u00fcr ein Jahr f\u00fcr\u00a0 Migrantenarbeit im Rahmen einer SAM \u2013 Stelle aus dem F\u00f6rderprogramm des Arbeitsamtes am Richtsberg in Marburg eingestellt. Dort sind mehr als die H\u00e4lfte der Bewohner Migranten. Meine Arbeit wurde f\u00fcr drei Jahre nach einer einj\u00e4hrigen Probezeit verl\u00e4ngert. Nach der Zusammenlegung der \u201eB\u00fcrgerinitiative f\u00fcr soziale Fragen\u201c\u00a0 und des \u201eTreffpunkts Richtsberg\u201c im Jahr 2003 habe ich eine Stelle als Sozial- und Schuldnerberaterin erhalten, jedoch unter der Voraussetzung, eine Fortbildung in diesem Bereich zu absolvieren. Nat\u00fcrlich war ich hierf\u00fcr bereit. Ich bin sehr gl\u00fccklich dar\u00fcber, dass ich den Menschen am Richtsberg, ungeachtet ihrer Nationalit\u00e4t, mit Rat und Tat zur Seite stehen kann. Neben meinem Beruf arbeite ich immer noch ehrenamtlich mit wunderbaren Menschen f\u00fcr Afghanistan und die afghanischen Migranten in Marburg. Jetzt lebe ich seit 16 Jahren in Deutschland. Wie all diese Jahre vergangen sind, kann ich nicht fassen. Wichtig ist, dass ich die innere Zufriedenheit, die mir zu Beginn verloren gegangen war, zur\u00fcckerhalten habe. Durch einen sehr dynamischen und zielstrebigen Lebensstil ist unsere Familie von den typischen Migrationskrankheiten verschont geblieben, wie Depression, Eheproblemen, Generationskonflikt, Verwahrlosung der Kinder, Isolation im Umfeld und Assimilation von Seiten der neuen Gesellschaft. Meinen vier Kindern sind dank der famili\u00e4ren Atmosph\u00e4re beide Kulturen nicht fremd. Sie haben wahrscheinlich gelernt, die guten Seiten beider Kulturen zu verinnerlichen.<\/p>\n<p>Trotz Arbeit und wirtschaftlicher Unabh\u00e4ngigkeit lebten meine Familie und ich neun Jahre lang ohne \u201eAufenthaltserlaubnis\u201c, manchmal nur mit der \u201eDuldung\u201c, eine zeitlang nur mit \u201eAufenthaltsgenehmigung\u201c. Und so mussten wir auch Einschr\u00e4nkungen hinnehmen. Doch die Unterst\u00fctzung und der Trost der Gesellschaft, wie der Nachbarn, Freunde, Bekannten, der Kolleginnen und Kollegen, mancher \u00c4mter und einiger Politikerinnen\u00a0 und Politiker haben uns vor Entt\u00e4uschung gesch\u00fctzt und uns Courage und Kraft gegeben.<\/p>\n<p>Ich habe hier ein neues Zuhause gefunden. Und wenn man an den Baum denkt, kann ich sagen, dass wir hier in Deutschland neue Wurzeln geschlagen haben. Wenn wir irgendwann nach Afghanistan zur\u00fcckkehren, wird diese Trennung wieder sehr schmerzhaft sein. Obwohl ich das Gl\u00fcck eines zweifachen Zuhause habe, sind meine Gef\u00fchle dennoch zerrissen. Den alten Gef\u00fchlszustand und das Seelengleichgewicht, die ich in Afghanistan hatte, werde ich nie mehr finden. Es wird mir immer etwas fehlen: in Deutschland die Wurzel von Afghanistan und in Afghanistan die Wurzel von Deutschland.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Flucht aus Afghanistan Es war vier Uhr morgens, als ich mit meinem Mann und meinen drei kleinen Kindern, von denen ich eins noch im Arm trug, unser Haus in Kabul verlie\u00df. Bis vier Uhr bestand damals in der Stadt Ausgehverbot. 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